Immersion in Kanada – ein nicht-materielles Exportprodukt
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Geschichte und Modelle
Zweisprachigen Unterricht gibt es seit Jahrtausenden, er dürfte eines der ältesten Sprachunterrichtsformen schlechthin sein. Breit diskutiert, evaluiert und umgesetzt wurde er aber erst ab Mitte der 1960er Jahre unter dem Begriff „Immersion“, und zwar in Québec, wo Kreise von englischsprachigen Eltern die Forderungen um Chancengleichheit der Frankophonen und die Förderung des Französischen ernst nahmen und ihren Kindern den Zugang zum Französischen als aufsteigende Amtssprache erleichtern wollten. Sowohl politisch, wie wirtschaftlich, wissenschaftlich und sozial war der Zeitpunkt also günstig: Kanada besann sich auf seine zweisprachige und interkulturelle Identität als Einwanderungsland, Französisch bedeutete vermehrte wirtschaftliche und soziale Chancen in Québec und Kanada und eine Öffnung zu Europa, Neurologen verbreiteten die These um das kritische Alter zum Sprachenlernen und unterschieden zwischen „Erwerben“ und „Lernen“, Eltern griffen vermehrt in das Schulgeschehen ein und meldeten ihre Vorstellungen und Bedürfnisse an. In der Folge wurden zwar die Thesen zur „critical period“ und zur Dichotomie „Erwerben“ und „Lernen“ um einiges relativiert, Immersion und zweisprachiges Lernen blieben als Möglichkeit, Zweit- und Fremdsprachen ganzheitlicher und in authentischen Situation zu erlernen, und dabei das Sachlernen nicht nur zu erhalten, sondern z. T. auch zu steigern.

Mit der ersten Immersionsklasse in Montréal, die 1965 eröffnet wurde, schuf man gleichzeitig ein Begleit- und Forschungsinstrumentarium, da die Eltern sicher sein wollten, dass die Kinder 1. ihre Erstsprache nicht verlernen, 2. die Zweitsprache besser lernen als im herkömmlichen Fremdsprachenunterricht, 3. die Inhalte der Sachfächer auch erworben werden, und 4. Motivation und Attitüden gegenüber der andern Sprachgemeinschaft und dem sprachlichen Zusammenleben positiv sind. Ziemlich rasch entwickelten sich verschiedene Modelle, frühe (ab 1. oder der 2. Kindergartenjahr), mittlere (ab 3. oder 4. Primarschuljahr) oder späte Immersion (ab 1. Sekundarschuljahr, d. h. 7. Klasse). Nach dem Grad der Intensität unterscheidet man zwischen totaler (alle Fächer in der Zweitsprache, zumindest in den ersten Jahren) und partieller Immersion (ca. je 50% in der Erst- und Zweitsprache). Das häufigste Modell ist dasjenige der frühen totalen Immersion, wobei nach 3 bis 4 Jahren das Englische eingeführt wird, bis es nach und nach die Hälfte des Lehrplans einnimmt. Das kanadische Modell ist fakultativ, die Mädchen sind übervertreten, sowie Kinder aus der Mittelklasse. Im Gegensatz zur Schweiz (und Europa), wo man späte Modelle ab Gymnasiumsstufe häufig einrichtet, sind diese in Kanada eher selten. Interessant ist auch, dass Immersion auf Englisch für Frankophone wegen der strengen Sprachgesetze zum Erhalt des Französischen nicht gestattet ist.


Prinzipien
Zu den Prinzipien der kanadischen Immersion gehören folgende Voraussetzungen:
•  Mindestens 50% des Lehrplans in der Zweitsprache
•  Förderung der Erstsprache
•  Muttersprachige, zweisprachige oder sprachlich sehr kompetente Lehrpersonen
•  Adäquate Ausbildung der Lehrpersonen
•  Eine Lehrperson, eine Sprache
•  Qualitätskontrolle
•  Fakultative Teilnahme


Wegen der stark steigenden SchülerInnenzahlen während der 1980er Jahre konnten nicht alle Prinzipien eingehalten werden, insbesondere was die Sprachkompetenzen und die Ausbildung der Lehrpersonen betrifft. Die Zahl der ImmersionsschülerInnen wuchs dann weniger schnell an, momentan sind ca. 320'000 Kinder in diesem Schultyp eingeschult. In der Folge beriefen sich einige Länder zur Einrichtung bilingualer Zweige explizit auf das kanadische Modell, so z. B. Finnland, Estland, Australien, Japan, und die USA, die bald zwischen Immersion (Mehrheit als Zielgruppe) und Bilingual Education (Minderheit als Zielgruppe) unterschieden, wobei die reziproke Immersion eine Integration beider Modelle ist.


Evaluationen
Evaluationen wurden seit dem Beginn des Immersionsunterrichts durchgeführt (cf. Lambert et al. 1972). Es gibt Hunderte von grösseren und kleineren Evaluationen, man kann wohl sagen, dass die kanadische Immersion zu den meist evaluierten Unterrichtsmodellen gehört. Als Kontrollgruppen dienen jeweils mutter- und zweitsprachige Klassen (Englisch als Muttersprache, Französisch als Mutter- und Zweitsprache, Sachfächer, Motivation und Attitüden). Auch wurden frühe, mittlere und späte Immersion miteinander verglichen. Meta-evaluativ kann man sagen, dass global die frühe totale Immersion die besten Resultate erzeugt, jedenfalls nach einer gewissen Zeit, da das Englische ja nicht sofort eingeführt wird. Verglichen mit den Muttersprachigen haben ImmersionsschülerInnen in der Zweitsprache rezeptiv (Hör- und Leseverstehen) vergleichbare Kompetenzen, im produktiven Bereich (Sprechen und Schreiben) jedoch nicht, vor allem was den Wortschatz betrifft. Nach einer gewissen Phase (am Anfang ist das Sachlernen verlangsamt), zeigen die Immersionsklassen ebenso gute, wenn nicht bessere Resultate, was mit der spezifischen Immersionsdidaktik erklärt wird. Mit der Zeit ging man von einer produktorientierten Evaluation hin zu einer eher prozessorientierten (Didaktik, Strategien, Diskurs usw.).


Zum Weiterlesen
Cummins, J. (1998): Immersion education for the millennium: What we have learned from 30 years of research on second language immersion. www.iteachilearn.com/cummins/immersion2000.html

Lambert, W. E. et al. (1972): Bilingual education of children. The St. Lambert experiment. Rowley, MA: Newbury House.

Rebuffot, J. et al. (1996): Outcomes and impacts of early, middle and late entry French immersion options: review of recent research and annotated bibliography. Ottawa: Board of Education.

Safty, A. (1990): Practical second-language applications of the theoretical foundations of French immersion in Canada. In: Dimension, 103-120.

Swain, M. et al. (1997): Immersion education: A category within bilingual education. In: Johnson, R. K. et al. (eds): Immersion education: International perspectives. Cambridge: CUP. 1-16.

Tardif, C. et al. (1995): Répertoire de la recherche universitaire en immersion française au Canada: 1988 à 1994: étude menée pour l'Association canadienne des professeurs d'immersion. Nepean : Association canadienne des professeurs d'immersion (ACPI).

Wesche, M. B. (2002): Early French immersion: How has the original Canadian model stood the test of time? In: Burmeister, P. et al. (eds): An integrated view of language development. Trier: Wissenschaftlicher Verlag. 357-379.


Links
Association canadienne des professeurs d’immersion
Canadian Parents for French
Centre des niveaux de compétence linguistique canadiens
Commissariat aux langues officielles
Conseil des ministres de l’éducation (Canada)
Second Language Education on the Web


Die Autorin
Dr. Claudine Brohy

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Institut de recherche et de documentation pédagogique (IRDP)
Fbg de l'Hôpital 43 / CP 54, CH-2007 Neuchâtel, www.irdp.ch

und Lektorin für Deutsch als Fremdsprache
Lern- und Forschungszentrum Fremdsprachen (LeFoZeF)
Universität Freiburg, Criblet 13, CH-1700 Freiburg

E-Mail: Claudine.Brohy@unifr.ch
Tel. +41 26 300 79 65
Fax +41 26 300 97 17




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